Porträt HvdB   Fotograf von 1928 bis 1992

 

               ~  Interview zum 75. Geburtstag in der Berliner Abendschau des SFB                             ~   1 Videodokument und 6 Hörfunkausschnitte /                                               ~   1 Textdokument

  Über seine beruflichen Werdegang existiert dieses persönliche Schreiben von Heinrich von der Becke:

 

Am Ende der sogenannten   ‚Goldenen 20er Jahre’ – es war im Frühjahr 1928 – wurde ich bei der Sportbildagentur Max Schirner in Berlin-Charlottenburg als kaufmännischer Lehrling eingestellt. Es war mein Ziel, Pressefotograf zu werden .

Mein Vater hatte darauf bestanden, einen Lehrvertrag abzuschließen, und ich musste mich auch für die kaufmännische Berufsschule anmelden. Das Lehrgeld: im ersten Jahr 15.- Mark, im zweiten Jahr 30.- und im 3. Jahr 50.- Mark. Schirner, übrigens einer der Mitbegründer des Sportclub Charlottenburg hatte damals schon einen guten Namen in der Illustrationsbranche. Er war nicht nur ein guter (nicht gelernter) Fotograf und ein guter Kaufmann zugleich.

Er beschäftigte zahlreiche Mitarbeiter im Fotolabor, im  Büro fest und freie Fotografen, die zu dieser Zeit ‚Operateure’ genannt wurden. Er belieferte nicht nur Berliner Tageszeitungen  und Sportfachblätter,  sondern machte einen täglichen Versand in ganz Deutschland und auch ins Ausland. Es bestanden auch schon Beziehungen zu ausländischen Bildagenturen. Schirner hatte nur in Berlin Konkurrenz von einigen selbständigen Sportfotografen, von denen als bekanntester der Name Riebcke noch ein Begriff ist.

Die ersten Bilder als Lehrling machte ich  bei einem Sportereignis, den Berliner Meisterschaften im Waldlauf. Man drückte mir eine 9/12 Plattenkamera mit einer Wechselkassette, die 12 Glasplatten enthielt, in die Hand, und ich wurde angeleitet von einem älteren, freiberuflichen ‚Operateur’, der mit  einer 13/18 Contessa-Nettel fotografierte.

Mir gelang durch Zufall ein relativ scharfes Foto, obwohl die Lichtverhältnisse  außerordentlich schlecht waren. Die Gründe dafür: Meine 9/12 Kamera hatte einen ziemlich lahmen Schlitzverschluss, der langsamer arbeitete als die eingestellte  Geschwindigkeit von 1/350stel Sekunde.  Das Foto wurde an einer Stelle der Strecke aufgenommen, die etwas ansteigend war und die Läufer zu langsamen Bewegungen zwang. Nachdem im Labor entwickelt worden war, stellte sich heraus, dass die Aufnahmen, die mein älterer Kollege gemacht hatte, sehr stark unterbelichtet und nicht druckfähig waren. Meine Negative waren brauchbar.

Am nächsten Morgen konnte ich mein erstes Sportfoto  gedruckt in der Zeitung sehen. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände war es zustande gekommen.

In den ersten Monaten meiner Lehrlingszeit hatte ich meistens im Fotolabor zu tun. Die Vergrößerung von 9/12 Platten auf 13/18  Papier machte der Laborant. In der Dunkelkammer lernte ich die Bilder zu entwickeln, musste sie ins Fixierbad legen und

anschließend wässern. Getrocknet wurden die Bilder in einem Schrank mit Gasheizung auf schwarzlackierten Metallplatten. Oft blieben auch mal Bilder darauf kleben. Die Platten mussten mit  Benzol gereinigt werden. Damals wusste man noch nichts von gesundheitsschädlichen Benzoldämpfen.  Erst gegen Ende der Dreißiger Jahre gab es dann die ersten elektrisch betriebenen Trockentrommeln aus Metall.

Die Fotografen benutzten damals noch großformatige Plattenkameras vom Format 18/24 , 13/18, 10/15, 6 ½ mal 9 und 4 ½  mal 6. Aber die Kleinbildkameras – vor allem Leica und Contax – setzten sich immer mehr durch.  Bei den Olympischen Spielen in Garmisch Partenkirchen waren sie sogar den Plattenkameras gegenüber im Vorteil, da ihre Schlitzverschlüsse bei großer Kälte besser funktionierten. Unser damaliger  Cheflaborant bei der Firma Pressebildzentrale Berlin, der gelernter Fotomeister war, hielt zunächst gar nichts von den Kleinbildfilmen. Als ich ihm meinen ersten Kleinbildfilm brachte, schimpfte er: „Watt, kommste jetzt ooch schon mit sonne Fliegenfänger!“

Bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 waren alle die Kollegen im Vorteil, die Kleinbildkameras mit langen Brennweiten benutzten. Die begehrten Innenraumsonderausweise wurden in sehr beschränkter Zahl ausgegeben. Die Mehrzahl aller Fotografen musste sowieso von den Tribünen aus arbeiten.

Nach Beendigung der Olympischen Spiele in Berlin war meine nächste Aufgabe: die Bildberichterstattung vom spanischen Bürgerkrieg. Ein Dolmetscher aus dem Propagandaministerium begleitete mich nach Spanien und blieb solange bei mir, bis ich mein Akkreditierung in Burgos , dem Sitz des Franco-treuen Nordspanien, in der Hand hatte. Neun Monate blieb ich in Spanien, lernte die Madridfront und die Südfront bis Marbella kennen.

1928 bis 1935 war ich bei der Firma Schirner, danach bis Kriegsbeginn 1939 bei der Pressebildzentrale in Berlin, die im letzten Kriegsjahr total ausgebombt wurde. Vom ersten Kriegstag an war ich Panzerjäger  beim Infanterieregiment 68. Nach Polenfeldzug und Westwallzeit wurde ich zur Propagandakompanie versetzt. Nach mehreren Verwundungen und Rehabilitation kam ich zur Kriegsschule nach Potsdam und wurde wieder Infanterist

Weil ich nicht die Absicht hatte Offizier zu werden, verließ ich die Kriegsschule in Schwerin am Karfreitag 1945, am 1.April.

Ich hatte mich vorher mit drei sehr guten Kameraden verabredet, unsere Einheit zu verlassen. Wir hatten aber jeder ein anderes Ziel. Wir waren alle Angehörige von Propagandakompanien.  Oberleutnant Krafft – bis zu dieser Zeit NS Führungsoffizier – hatte es geschafft, für sich und drei andere, zu denen mein Freund Otto Kunkel, ebenfalls Rundfunkberichter,  die erforderlichen Papiere zu beschaffen, die es mir ermöglichten, nach Berlin zu kommen – und das mit einem Marschbefehl, mit dem ich mir auch noch Lebensmittelkarten abholen konnte.

Ich ging als einziger nach Berlin, die drei anderen nach Hamburg, Düsseldorf und Frankfurt. Nach unserer Rechnung konnte der Krieg höchsten noch 14 Tage  oder drei Wochen dauern. Am gleichen Nachmittag  besuchte ich die Neue Kantstr.9 in Berlin Charlottenburg. Diese  Adresse hatte mir mein PK Kamerad Henne gegeben. Er wusste, dass meine Wohnung in Berlin – Lichterfelde ausgebombt war und stellte mir praktisch seine zur Verfügung.

Im Haus Neue Kantstr. 9 öffnete mir  eine freundliche junge Dame die Tür, es war Fräulein Wabra, die diese Wohnung betreute. Ich legte einen Teil meines Marschgepäcks ab und verabschiedete mich wieder,  um Freunde in Berlin aufzusuchen. Ich bekam die Wohnungsschlüssel und meldete mich erst ein paar Tage später wieder.

Bis zur Kapitulation  und der Besetzung unseres Stadtteils gab es noch viele aufregende Situationen für Thea und für mich, aber mit viel Glück haben wir alles heil und gesund überstanden. Nachdem die Russen in Berlin eingezogen waren, fing ich eine Zusammenarbeit mit Klaus Kindermann an, mit dem ich bei Max Schirner meine Lehrzeit verbracht hatte. Er hatte noch sein intaktes Büro und Labor und machte Privatfotos von russischen Soldaten, die mit Lebensmitteln bezahlten.

Schon im Frühjahr 1945 gab es die sowjetlizensierte Berliner Zeitung. Ich durfte schon nach kurzer Zeit  für dieses Blatt arbeiten und auch schon bald Reportagereisen innerhalb der sowjetisch besetzten Zone machen.  Als im Sommer die vier Sektoren offiziell eingerichtet wurden, gab es dann auch Zeitungen der Amerikaner, Franzosen und Briten.

Die Russen gaben inzwischen die „Illustrierte Rundschau“ und die „Berliner Illustrierte“ heraus. Nach und nach wurde es immer schwieriger im Ostsektor zu arbeiten, und dann kam die Blockadezeit und die fast völlige Abtrennung vom Osten.

Es folgte eine Zeit der guten Zusammenarbeit   sowohl mit den Berliner Tageszeitungen  als auch mit Time-Life und mit  den zahlreichen westdeutschen Illustrierten. Unsere kleine Firma hatte dann Angestellte im Büro, im Labor , einen Vertreter, der die Bilder zu den Redaktionen brachte und hin und wieder freie Mitarbeiter und festangestellte Volontäre. Meine Frau machte die gesamte Arbeit im Büro und im Archiv, na und dann noch nebenbei den Haushalt und die Betreuung der Kinder. (Anmerkung: Ohne die Großmutter wäre das wohl nicht möglich gewesen.)

Reisen nach Westdeutschland und ins Ausland gab es jede Menge. Durch den Besuch von 13 Olympischen Spielen u.a. Helsinki, Stockholm, Rom, Cortina d’Ampezzo, Melbourne, Squaw Valley, Tokio, Sapporo und Innsbruck (2) und Montreal hat sich der Gesichtskreis ziemlich erweitert.  Aber es gab ja nicht nur die Sportfotografie. Alles Wesentliche, was in Berlin von 1945 bis 1992 passierte, wurde im Bild festgehalten:

Die Tätigkeiten der Allierten in Berlin, eine vollständige Dokumentation über die Berliner Mauer vom ersten Stein bis zum Abriss – zahlreiche politische Ereignisse – Besuche großer Staatsmänner - Internationale Kongresse und Ausstellungen – Berliner Filmfestspiele – bedeutende Künstler, Maler, Bildhauer, Musiker, Architekten, Tanzturniere, Konzerte, Jazz, Rock’n Roll – eigentlich alles, was mir in Berlin und anderswo wichtig erschien,   vervollständigte mein Archiv.

 


© Ludwig von der Becke

Halle Westfalen, im Frühjahr 2007/08